{"id":4774,"date":"2025-08-23T21:01:59","date_gmt":"2025-08-23T19:01:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hilfssheriff.de\/?p=4774"},"modified":"2025-08-23T21:01:59","modified_gmt":"2025-08-23T19:01:59","slug":"wenn-die-ki-irrt-haftungsszenarien-und-kontrollpflichten-fuer-geldwaeschebeauftragte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stage.digital40.de\/2025\/rDflG\/wenn-die-ki-irrt-haftungsszenarien-und-kontrollpflichten-fuer-geldwaeschebeauftragte\/","title":{"rendered":"Wenn die KI irrt \u2013 Haftungsszenarien und Kontrollpflichten f\u00fcr Geldw\u00e4schebeauftragte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Teil 2 der Serie zur KI-Governance in der Geldw\u00e4schepr\u00e4vention<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <a href=\"https:\/\/www.hilfssheriff.de\/haftung-in-zeiten-der-ki-verantwortung-in-der-zentralen-stelle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">erste Teil<\/a> dieser dreiteiligen Serie hat die Rolle der Zentralen Stelle und des Geldw\u00e4schebeauftragten (GWB) im Spannungsfeld von Technologieeinsatz, regulatorischer Verantwortung und menschlicher Letztverantwortung beleuchtet. Dabei wurde deutlich: Der Einsatz von KI kann zwar Prozesse beschleunigen, entbindet aber keinesfalls von der Haftung \u2013 im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Teil f\u00fchrt diese Analyse nun konsequent weiter: Es werden konkrete Haftungsszenarien beim Einsatz von KI in der Zentralen Stelle betrachtet und der Rechtsrahmen eingeordnet \u2013 von aktuellen Grundlagen \u00fcber anstehende Regulierungen bis hin zu wissenschaftlichen Diskussionen. Zudem werden die Anforderungen an Kontrollhandlungen und die Dokumentation beschrieben, und praxisrelevante Leitplanken f\u00fcr die pers\u00f6nliche Haftungsvermeidung des GWB formuliert. Im Fokus steht dabei auch der Sonderfall agentenbasierter Systeme.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gegenw\u00e4rtige Haftungsdogmatik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gegenw\u00e4rtige Haftungsdogmatik in Deutschland und der EU folgt einer dreiteiligen Struktur, die auch auf KI-Systeme zunehmend Anwendung findet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Verschuldenshaftung<\/em> <em>(\u00a7\u00a7\u202f823 BGB, \u00a7\u202f130 OWiG, \u00a7\u202f93 AktG\/GmbHG analog)<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hierbei wird gepr\u00fcft, ob ein Akteur durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht schuldhaft einen Schaden verursacht hat. Im KI-Kontext liegt das Risiko in:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Unzureichender Kontrolle oder \u00dcberwachung des KI-Systems (Organisationsverschulden)<\/li>\n\n\n\n<li>Blindem Vertrauen in KI-Ergebnisse ohne Plausibilisierung<\/li>\n\n\n\n<li>Unterlassener oder fehlerhafter Modellvalidierung oder Systemfreigabe<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Haftung trifft typischerweise:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Den schuldhaft verursachenden Mitarbeiter (insb. GWB als Verantwortlichen der Zentralen Stelle)<\/li>\n\n\n\n<li>Die Gesch\u00e4ftsleitung bei strukturellem Governance-Versagen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Gef\u00e4hrdungshaftung (z.\u202fB. analog zu \u00a7 7 StVG)<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zivilrecht existiert kein allgemeines Gef\u00e4hrdungshaftungsregime f\u00fcr KI. Gleichwohl wird diskutiert, ob bestimmte KI-Systeme, insbesondere solche mit autonomem Verhalten, als latent gef\u00e4hrdend zu klassifizieren sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade bei agentischer KI entsteht ein Zurechnungsdefizit, da deren Verhalten nicht mehr vollst\u00e4ndig vorhersagbar ist. Die juristische Kritik erkennt darin ein haftungsrechtlich <a href=\"https:\/\/www.hilfssheriff.de\/haftung-in-zeiten-der-ki-verantwortung-in-der-zentralen-stelle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bedenkliches Ma\u00df an Kontrollverlust<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Produkthaftung (ProdHaftG, EU-Richtlinie 85\/374\/EWG)<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Software, also auch KI, f\u00e4llt unter das Produkthaftungsrecht. Ein Produktfehler liegt z.\u202fB. vorbei:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>fehlerhaftem Training des KI-Systems,<\/li>\n\n\n\n<li>Verwendung ungeeigneter Datenquellen,<\/li>\n\n\n\n<li>unterlassenen notwendigen Updates.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Blick auf agentenbasierte KI stellt sich ein neuartiges Problem: Wenn ein System durch eigenst\u00e4ndiges Lernen (\u201eunsupervised\u201c oder \u201ereinforcement learning\u201c) ein Verhalten entwickelt, das nicht durch Entwickler oder Betreiber vorhergesehen wurde, droht eine \u201enichtsteuerbare Haftungsl\u00fccke\u201c. In der gegenw\u00e4rtigen Rechtspraxis wird dies nur dann produktrechtlich sanktioniert, wenn nachgewiesen werden kann, dass das Unternehmen das System unzureichend kontrolliert oder gewartet hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Geplante Regulierungen bzw. \u00c4nderungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Haftungsfragen sind folgende \u00c4nderungen in Planung bzw. Vorbereitung:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>AI Act (EU-Verordnung 2024)<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der AI Act verfolgt einen risikobasierten Ansatz. Systeme wie KI-gest\u00fctztes Transaktionsmonitoring oder Screening gelten in Verbindung mit den von Bundesbank und BaFin bereitgestellten Dokumenten zum Thema KI als potentielle &nbsp;\u201ehigh-risk AI\u201c. Betreiber m\u00fcssen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>menschliche Kontrollmechanismen (\u201ehuman oversight\u201c) integrieren,<\/li>\n\n\n\n<li>Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Logging sicherstellen,<\/li>\n\n\n\n<li>technische Robustheit garantieren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Agentenbasierte Systeme sind aufgrund ihrer adaptiven Zielverfolgung grunds\u00e4tzlich als besonders risikobehaftet einzustufen. Je nach Kontext w\u00e4ren sie gem\u00e4\u00df AI Act vollst\u00e4ndig unzul\u00e4ssig oder \u00e4u\u00dferst streng reguliert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>AI Liability Directive &#8211; AILD (KI-Haftungsrichtlinie)<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Richtlinie sieht keine eigene Haftungsgrundlage vor, sondern regelt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Beweiserleichterungen bei Schadensersatzklagen gegen KI-Betreiber,<\/li>\n\n\n\n<li>Offenlegungspflichten zu Systemprotokollen und Entscheidungspfaden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr agentische KI bedeutet das: Wenn Unternehmen keine klaren Logs oder Entscheidungspfade liefern k\u00f6nnen, greift eine Beweislastumkehr. Der Schutz vor Haftung h\u00e4ngt direkt an der F\u00e4higkeit, das Verhalten der KI zu rekonstruieren, was bei emergentem Verhalten kaum m\u00f6glich sein wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Reform der Produkthaftungsrichtlinie (2022\/0302 COD)<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Fehlerbegriff wird hier auf lernf\u00e4hige Software erweitert. Hersteller haften auch bei:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>fehlerhaftem Lernen (z.\u202fB. durch schlechte Daten),<\/li>\n\n\n\n<li>unterlassener Wartung,<\/li>\n\n\n\n<li>unzureichendem Risikomanagement.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies trifft agentische KI mit voller Wucht. Da das Verhalten teils nicht vorhergesagt, aber kausal auf Lernprozesse zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, besteht ein erh\u00f6htes Herstellerhaftungsrisiko, das auch auf Betreiber durchgreifen kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wissenschaftliche Perspektiven<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit den letzten Jahren findet sich eine zunehmende Anzahl an Fachartikeln und Buchpublikationen, die sich mit den Haftungsl\u00fccken im Kontext von KI-Anwendungen befassen und Vorschl\u00e4ge unterbreiten, diese L\u00fccken zu schlie\u00dfen. Drei Perspektiven sind hier f\u00fchrend:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Algorithmic Accountability<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reyes fordert ein spezifisches Haftungsregime f\u00fcr KI, das Entscheidungsdesign und Trainingsverantwortung in den Mittelpunkt r\u00fcckt. F\u00fcr agentenbasierte KI schl\u00e4gt er ein \u201eresponsibility-by-architecture\u201c-Modell vor, bei dem Systemverantwortung normativ konstruiert wird, auch wenn keine individuelle Steuerung mehr vorliegt [Reyes, C.L., Autonomous Corporate Personhood, Washington Law Review, 2021, in Zusammenhang mit Reyes, C.L., Autonomous Business Reality, Nevada Law Journal, 2021].<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Organisationale Verantwortung<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nissenbaum, Brey, betonen, dass strukturelle Verantwortung nur dann sichergestellt werden kann, wenn normative Prinzipien (z.\u202fB. Fairness, Erkl\u00e4rbarkeit, Datenschutz) von Anfang an systematisch in technische, organisatorische und soziale Prozesse integriert werden \u2013 nicht erst bei Vorf\u00e4llen oder Haftungssituationen. Hierauf bauen vor allem die Standardisierungs- und Normierungs-Institutionen auf und leiten daraus eine Verantwortlichkeitsarchitektur bestehend aus Rollenmodellen, Verfahrensanweisungen und Kontrollrahmen ab. &nbsp;[Nissenbaum, H., Accountability for Privacy via Institutional Design, 2001; Brey, Ph., Ethics of Emerging Technologies, 2012; sowie weiter IEEE, Ethical Aspects of Autonomous and Intelligent Systems, 2019].<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Autopoietische Systeme<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teubnersieht in selbstreferenziellen Systemen wie agentischer KI ein \u201eRechtsvakuum\u201c: Sie erzeugen Entscheidungen jenseits menschlicher Kontrolle, ohne selbst rechtsf\u00e4hig zu sein. Er fordert eine funktionale Systemhaftung, bei der nicht mehr das Verhalten Einzelner, sondern das Design und die Reaktionen des gesamten Systems haftungsrechtlich relevant werden [Teubner, G. Recht als poietisches System, 1989, in Verbindung mit Beckers\/Teubner, Digitale Aktanten, Hybride, Schw\u00e4rme, 2024] .<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zusammenfassung zur KI-Haftung<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><td><strong>Erkenntnis<\/strong><\/td><td><strong>Implikation f\u00fcr die Zentrale Stelle<\/strong><strong><\/strong><\/td><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>KI-Einsatz ist haftungsrechtlich zul\u00e4ssig, wenn Kontrolle, Nachvollziehbarkeit, menschliche Letztentscheidung sichergestellt sind.<\/td><td>Klassische KI-Systeme sind bei angemessener Governance beherrschbar.<\/td><\/tr><tr><td>Agentische KI erh\u00f6ht das Risiko struktureller Kontroll- und Zurechnungsverluste.<\/td><td>Vollst\u00e4ndiger operativer Einsatz ist derzeit nicht vertretbar.<\/td><\/tr><tr><td>Haftung kann nicht auf Systeme \u00fcbertragen werden.<\/td><td>Verantwortung bleibt beim Menschen (GWB, Gesch\u00e4ftsleitung).<\/td><\/tr><tr><td>Einsatz nicht erkl\u00e4rbarer, nicht auditierbarer KI ist haftungsrechtlich fahrl\u00e4ssig.<\/td><td>Bei Schaden droht pers\u00f6nliche Inanspruchnahme.<\/td><\/tr><tr><td>Agentische KI ist aufsichtsrechtlich ausgeschlossen.<\/td><td>Solange dieser Ausschluss gilt, entf\u00e4llt f\u00fcr GWB ein Teil der Haftungsexposition durch pr\u00e4ventive Unzul\u00e4ssigkeit.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Haftungsszenarien bei KI-Versagen in der Zentralen Stelle<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der GWB ist nach \u00a7\u202f7 GwG in Verbindung mit \u00a7\u202f25h KWG als verantwortliche Person f\u00fcr die institutsinterne Geldw\u00e4schepr\u00e4vention benannt. Mit der Zuweisung dieser Rolle \u00fcbernimmt er faktisch eine Organfunktion mit umfassender Sorgfalts-, \u00dcberwachungs- und Steuerungspflicht. Die Integration von KI-Systemen insbesondere zur Transaktions\u00fcberwachung, Sanktionslistenpr\u00fcfung oder Musteranalyse ver\u00e4ndert nicht die Verantwortlichkeit, sondern ver\u00e4ndert die Natur des Risikos: Aus operativ-beobachtbar wird technisch-vermittelt und potenziell intransparent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Typische haftungsrelevante Szenarien:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Unzureichende Kontrolle der Systemlogik<br>(z.\u202fB. bei dauerhaft falsch klassifizierten kritischen Transaktionen ohne Intervention)<\/li>\n\n\n\n<li>Blindes Vertrauen in KI-Empfehlungen<br>(z.\u202fB. bei Nichtmeldung trotz meldepflichtiger Indikatoren)<\/li>\n\n\n\n<li>Unterlassene Validierung oder unzureichendes Monitoring<br>(z.\u202fB. bei pl\u00f6tzlichem Ausbleiben von Alerts, stark schwankenden False-Positives)<\/li>\n\n\n\n<li>Nichtreaktion auf bekannte Limitierungen<br>(z.\u202fB. bei bekanntem Bias gegen\u00fcber bestimmten Kundengruppen)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Szenarien sind vor allem unter \u00a7\u00a7\u202f130 OWiG (Organisationsverschulden), 823 BGB (Deliktshaftung) sowie bei Kapitalgesellschaften unter \u00a7\u202f93 AktG \/ \u00a7\u202f43 GmbHG (Pflichtverletzung von Organen) haftungsrelevant. Ein dabei besonders schwerwiegender Umstand ist die leider in der Praxis nicht seltene Verwechslung von Systemnutzung mit Verantwortungsdelegation. Der Einsatz eines Tools ersetzt keine eigene Pr\u00fcfung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anforderungen an die Kontrollhandlungen des GWB<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die pers\u00f6nliche Haftungsminimierung des GWB gelingt nicht durch Abw\u00e4lzung, sondern ausschlie\u00dflich durch nachweisbare, strukturierte und dokumentierte Governance. Rechtsprechung (vgl. BGH, NJW 2009, 3173) und Verwaltungspraxis (BaFin-Ma\u00dfst\u00e4be) verlangen ein Vorgehen, das sich an Risikokomplexit\u00e4t und Systemkritikalit\u00e4t orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale Formel lautet: Je autonomer die Technologie, desto enger m\u00fcssen \u00dcberwachung, Pr\u00fcfung und Eskalationsf\u00e4higkeit organisiert sein. Zur \u201eEnthaftung\u201c sind insbesondere folgende Ma\u00dfnahmen erforderlich:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><td><strong>Kontrollhandlung<\/strong><\/td><td><strong>Anforderungen<\/strong><\/td><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Systempr\u00fcfung vor Erstnutzung<\/strong><\/td><td>Beteiligung an Auswahl, Risikoanalyse, Freigabe<\/td><\/tr><tr><td><strong>Regelm\u00e4\u00dfige Validierung<\/strong><strong><\/strong><\/td><td>Pr\u00fcfzyklen zu Effektivit\u00e4t, Schwellenwerten, FP\/FN-Verhalten<\/td><\/tr><tr><td><strong>Plausibilit\u00e4tspr\u00fcfung bei Alerts\/Empfehlungen<\/strong><\/td><td>Kein \u201eBlindvertrauen\u201c, menschliche Letztentscheidung<\/td><\/tr><tr><td><strong>Dokumentation &amp; Nachvollziehbarkeit<\/strong><strong><\/strong><\/td><td>Schriftlich begr\u00fcndete Entscheidungen und (Nicht-)Eingriffe<\/td><\/tr><tr><td><strong>Eskalation bei Fehlverhalten<\/strong><\/td><td>Fr\u00fchzeitige Einbindung der Gesch\u00e4ftsleitung\/Aufsicht<\/td><\/tr><tr><td><strong>Fortbildung<\/strong><strong><\/strong><\/td><td>Nachweisbare Schulung zu KI-Funktionalit\u00e4ten, Risiken<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sonderfall agentenbasierte KI<br><\/strong>Hier gilt: Der Einsatz in operativen Entscheidungsprozessen w\u00fcrde derzeit <a href=\"https:\/\/www.hilfssheriff.de\/haftung-in-zeiten-der-ki-verantwortung-in-der-zentralen-stelle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gegen aufsichtsrechtliche Prinzipien versto\u00dfen<\/a>. Der GWB darf sich daher auf regulatorische Unzul\u00e4ssigkeit berufen, um bereits im Vorfeld eine Enthaftung zu begr\u00fcnden \u2013 jedoch nur, wenn er aktiv darauf hingewirkt hat, dass solche Systeme nicht oder nur in nichtkritischen Anwendungsfeldern genutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dokumentations- und Validierungspflichten als Risikosenkungsinstrumente<br><\/strong>Die Dokumentation ist das zentrale Verteidigungsinstrument des GWB im Haftungsfall. Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Beschreibungen eingesetzter KI-Systeme<\/li>\n\n\n\n<li>Versionierungen und Protokollierungen von \u00c4nderungen<\/li>\n\n\n\n<li>Validierungsergebnisse<\/li>\n\n\n\n<li>Interne Stellungnahmen, Einw\u00e4nde gegen Systemlogik<\/li>\n\n\n\n<li>Eskalationsberichte, Nachweise der Kommunikation mit der Gesch\u00e4ftsleitung<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Praxis empfiehlt sich die F\u00fchrung eines \u201eAI-Governance-Dossiers\u201c durch oder f\u00fcr den GWB, das alle KI-gest\u00fctzten Compliance-Prozesse, deren Bewertung und deren Kontrollhistorie enth\u00e4lt. In Kombination mit einer Policy zur Eingriffs- und Eskalationsverantwortung kann dieses Dossier im Haftungsfall einen entscheidenden Unterschied machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Rolle des GWB im Zeitalter der KI<br><\/strong>Die pers\u00f6nliche Haftung des GWB bleibt in vollem Umfang bestehen, auch wenn KI-Systeme in die operativen Prozesse der Zentralen Stelle eingebunden werden. Entscheidungsverlagerung ohne Kontrollausgleich f\u00fchrt nicht zu Entlastung, sondern zu Risiko. Die Haftung l\u00e4sst sich nicht ausschlie\u00dfen, aber managen durch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>organisatorische Verankerung der Letztverantwortung,<\/li>\n\n\n\n<li>technologische Grundkompetenz und Awareness,<\/li>\n\n\n\n<li>strukturiertes Kontrollhandeln,<\/li>\n\n\n\n<li>dokumentierte Entscheidungsprozesse.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zentrale Stelle darf KI einsetzen, aber nicht zur Flucht aus der Verantwortung, sondern als Werkzeug unter menschlicher Kontrolle. Alles andere w\u00e4re sowohl rechtlich als auch aufsichtsrechtlich nicht tragf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vorschau auf Teil 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Teil dieser Serie zeigt, welche organisatorischen und strukturellen Voraussetzungen notwendig sind, um KI rechtssicher und haftungsrobust in die Arbeit der Zentralen Stelle zu integrieren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Neue Rollenprofile und Verantwortlichkeitsstrukturen<\/li>\n\n\n\n<li>Kompetenzanforderungen f\u00fcr GWB und Team<\/li>\n\n\n\n<li>Vorschlag f\u00fcr ein KI-Kompetenzmodell<\/li>\n\n\n\n<li>Umsetzung der BaFin-Anforderungen aus BT Ziffer 6<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Autor:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dirk Findeisen ist Managing Partner des Beratungs- und Technologieunternehmens msg Rethink Compliance. Er verf\u00fcgt \u00fcber mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Governance, Risk &amp; Compliance (GRC), Datenmanagement, Advanced Analytics und Corporate Performance Management. Findeisen ist Autor zahlreicher Fach- und Buchbeitr\u00e4ge zum Thema Anti-Financial Crime Compliance, ein gefragter Referent auf Fachveranstaltungen und Dozent an mehreren deutschen Hochschulen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">dirk.findeisen@msg-compliane.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sind die konkrete Haftungsszenarien beim Einsatz von KI in der Zentralen Stelle? Was sind die Anforderungen an Kontrollhandlungen und die Dokumentation? 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